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Wer war Italo Calvino wirklich? „Ihr werdet nichts finden“, lautete seine Antwort, wenn jemand versuchte, in seiner persönlichen, biografischen Geschichte zu forschen, getreu dem Image des Schriftstellers als Außenseiter, als Baron, der auf den Bäumen lebt: der Ungreifbare, der nur eine schreibende Hand sein wollte. Dennoch beweist Ernesto Ferrero mit seinem empathischen Blick, dass man die geheimen Verflechtungen zwischen dem Leben und Werk eines großen Autors des 20. Jahrhunderts von innen heraus erhellen kann. Zum hundertsten Geburtstag von Italo Calvino bietet Ernesto Ferrero uns ein Porträt des Schriftstellers hinter den Kulissen mit seinen weniger bekannten Charakterzügen, den privaten Seiten in der zwanzig Jahre währenden Nähe und Zusammenarbeit bei Einaudi. Und das tut er mit seinem besonderen Tonfall, der uns bereits in seinem Buch „Migliori anni della nostra vita“ oder dem jüngeren „Album di famiglia“ in seinen Bann gezogen hat. So entstehen vor uns Calvinos Beziehung zu seinen Eltern, die familiäre Prägung, die Leidenschaft für Comics und die Neigung zum Zeichnen, die Freundschaft mit Eugenio Scalfari, die Schrecken des Partisanenkriegs, die Passionen der Nachkriegszeit, die Verbindung mit Ligurien, die Liebschaften, darunter das Kapitel der Beziehung zu Elsa De’ Giorgi, die bisher wenig untersucht wurde. Und dann die Tagesarbeit mit ihren kleinen Geheimnissen bei Einaudi und in den Zeitungsredaktionen, die Begegnung mit Hemingway in Stresa, der Besuch bei Silvana Mangano und Vittorio Gassman am Set von „Bitterer Reis“. Weiter das Trauma des sowjetischen Einmarschs in Ungarn und die zunehmende Ablösung von der KPI und der militanten Politik, die Amerikareise, die Ehe mit Chichita Singer und die Vaterfreuden nach der Geburt der Tochter Giovanna, die wegweisenden wissenschaftlichen Vorlesungen, die Schlüsselbegegnungen (Perec, Barthes, Queneau), die Faszination der Bilder, die Entdeckung des Strukturalismus und die Aufenthalte in den Großstädten ebenso wie in den Einsiedeleien, von Paris bis Rom, bis zum idealen Ruhesitz an der toskanischen Küste in Pineta di Roccamare, wo er die Harvard-Vorlesungen unter dem Titel „Sechs Vorschläge für das nächste Jahrtausend“ bearbeitete. Der Außenseiter Calvino scheint immer woanders zu sein, bleibt aber in direktem Kontakt mit seiner Zeit. Der biografische rote Faden ist eng mit seinem Werk verknüpft und erhellt von innen heraus seine Entstehung und die Entwicklung, die Arbeitsmethode, die immer von einer starken ethischen und experimentellen Spannung mit einem Blick auf größere Projekte gestützt war. Sogar die radikale Ernüchterung der letzten Jahre verhindert nicht, dass Calvino allem, was nicht die Hölle war, Raum gibt und sich selbst und die Art der literarischen Arbeit neu erfindet. Aus seiner Sicht der Vertrautheit und mit einem Stil, der auf eine Verschmelzung zwischen biografischem „Roman“ und kritischem Essay ohne Fachkonnotation abzielt, fördert Ernesto Ferrero unser Verständnis für einen der beliebtesten Schriftsteller der italienischen Literatur.

 

 

 


Ernesto Ferrero arbeitete seit 1963 im Verlagswesen. Zu seinen Werken gehören N. (Premio Strega 2000), L’anno dell’Indiano, Disegnare il vento (Premio Selezione Campiello 2011), Storia di Quirina, di una talpa e di un orto di montagna, Barbablú. Gilles de Rais e il tramonto del Medioevo (2004 und 2020) sowie der Essay Primo Levi. La vita, le opere. Außerdem erschienen von ihm Francesco e il Sultano, Napoleone in venti parole, Album di famiglia. Maestri del Novecento ritratti dal vivo.

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