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Die wahre Geschichte des Labyrinths von Kreta, die geheimnisvollen Statuen auf der Osterinsel, Piratenabenteuer auf Tortuga, Mitternachtssonne auf den Lofoten, unmögliche Fluchten aus Alcatraz: Inseln sind eigene Welten, die ihre Freiheit sorgfältig bewahren und ihre Geheimnisse nicht leicht preisgeben. Nehmen wir also ein amphibisches Buch wie dieses zur Hand, ein Insularium, um den richtigen Kurs zu erhellen und so Wahrheit und Erfindung in jeder Reise, jedem Ort und jeder menschlichen Seele zu inszenieren. Umkämpfte und verlassene Inseln, eroberte und zurückeroberte, verkaufte und geliebte, verzauberte und verhexte Inseln, vom Wind geformt, der sie umarmt und peitscht, Orte des Ursprungs und der Utopie, unzugänglich, unsichtbar, Inseln, die keine Inseln sind, kaum auftauchen, fast Halbinseln: von Zypern bis Alcatraz, von Tortuga zu den Galapagos-Inseln: Wenn wir von Inseln sprechen, sprechen wir – so der Erzähler dieses Buches – von Prophezeiungen, von Flaschenpost, die dem Wasser anvertraut wird. Was wollen die Inseln uns mitteilen mit ihrem Anspruch, sich als Mittelpunkt der Welt zu sehen, zu glauben, dass alles sich um sie drehe, was doch tatsächlich nur die Strömungen und die Fische tun? Das Schwierigste im Angesicht einer Insel ist, sie einfach zu lesen, zu verstehen, welche Sprache sie spricht und welche unerschöpfliche Erzählung das Meer murmelt, wenn es sich an ihren Klippen bricht. „Storie fantastiche di isole vere“ („Fantastische Geschichten von wahren Inseln“) beschreibt die Begegnung von zwei Menschen. Der erste ist ein Erzähler, Il Pilota, ein Seemann, der alle Meere befahren hat und in allen Häfen an Land ging, der daher jene wahre Weisheit der Erfahrung besitzt, die sich langsam im Laufe eines Lebens bildet. Bei einem Glas Pigato-Wein oder Rum, mit einer seiner Maispapier-Zigaretten, beim Nachtfischen in der Bucht an Bord einer Lampara oder wenn er das Meer vom Hügel oben beobachtet: Mit seinem hypnotischen, mitreißenden Fabulieren bestrickt Il Pilota die Zuhörer, hält ihn an der Angel, fängt ihn ein und initiiert ihn für die Inselmanie, den Kult – oder die Krankheit – der letzten Nachkommen von Atlantis. Die zweite Figur beschränkt sich überwiegend darauf, die Erzählungen der ersten anzuhören und zu sammeln, aber ohne Zuhörer gäbe es keine Erzähler, ohne Lesende gäbe es keine Schriftsteller. Die beiden treffen sich im Hafen von Genua, wo man „riesige Schiffe hinter den Gassen langsam vorbeiziehen sieht und sich fragt, ob das Schiff ablegt oder die Stadt selbst“. Die Mole, auf der sie flanieren, ist „eine Rampe ins Ungewisse, eine Maschine der Fantasie: Wenn du nicht mit einem Schiff aufbrichst, dann mit dem Wunsch oder den Erinnerungen“. Und der Text, den sie zusammen bilden, ist ein „Insularium“, ein amphibisches Buch, halb wahr und halb fantastisch: eine Hymne an das Geheimnis und die unruhige Schönheit der Inseln und auch an die Kunst der Erzählung, den Ozean der Geschichten.

 

 

 


Ernesto Franco wurde 1956 in Genua geboren. Er übersetzte Octavio Paz, Álvaro Mutis und Julio Cortázar. Von Cortázar gab er die Pléiade-Ausgabe mit allen Erzählungen heraus (1994). Von ihm erschienen Isolario (Einaudi, 1994), Vite senza fine (Einaudi, 1999), Donna cometa (Donzelli, 2020) und Storie fantastiche di isole vere (Einaudi, 2024).

 

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