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13 Februar 2024

Das italienische Buch in Ungarn –
Erster Teil

Autor/-innen:
Margit Lukácsi, Katholische Universität Pázmány Péter in Budapest

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebte Ungarn eine außergewöhnliche Generation von Schriftstellern und Dichtern, die auch große Übersetzer waren. Ihre kulturellen Endeckungsreisen führten sie oft nach Italien und ihre Stimmen konnte man vor allem auf den Seiten der berühmten Zeitschrift „Nyugat“ finden, deren Titel auf Ungarisch „Westen“ bedeutete.
„Nyugat“ hatte sich zum Ziel gesetzt, die wichtigsten Strömungen der modernen und zeitgenössischen Literatur in Ungarn bekannt zu machen und durch die Übersetzung hochwertiger literarischer Werke auch die Exzellenz in der Landessprache zu fördern. Eine ganze Generation ungarischer Dichter und Schriftsteller, von Babits bis Kosztolányi, von Gyula Juhász bis Árpád Tóth, bis hin zu den jüngeren Lőrinc Szabó, Attila József und Miklós Radnóti, nahm sich dieses Programms an. Das Ansehen dieser Übersetzer war dabei zugleich eine Garantie für die Aussagekraft der Zeitschrift. Mindestens ein halbes Jahrhundert lang lenkte das Kulturprogramm von „Nyugat“ daher die Entwicklung der ungarischen Literatursprache und trug neben der Bildung des literarischen Geschmacks auch zur Schaffung eines fest strukturierten Literaturkanons bei.
Die wichtigste Errungenschaft der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war zweifellos die vollständige Übersetzung der Göttlichen Komödie in Terzinen durch den Dichter Mihály Babits, der auch eine bedeutende Geschichte der europäischen Literatur geschrieben hat. Diese Übersetzung war ein ganzes Jahrhundert lang wegweisend für die Dante-Forschung in Ungarn und ein Schlüsselfaktor für die Entstehung einer Beziehung zwischen der ungarischen Dichtung und Dantes Werk. Es dauerte fast ein Jahrhundert, bis nach Teilversuchen verschiedener übersetzender Dichter im Jahr 2016 ein anderer Dichter, Ádám Nádasdy, eine neue vollständige Übersetzung der Göttlichen Komödie in jambischen Versen veröffentlichte, die mit einem an die Bedürfnisse und die Kultur des heutigen Publikums angepassten Kommentar angereichert ist. Der Einfluss der von der Zeitschrift „Nyugat“ ausgearbeiteten Übersetzungstheorie, die sich auf das Binom „Texttreue und Schönheit“ stützt, war so stark, dass jeder ungarische Übersetzer in seiner Arbeit noch heute mit diesem Erbe konfrontiert wird, und sei es nur, um es zu leugnen, zu akzeptieren oder abzuwerten.
Bemerkenswert sind auch die offiziellen Vereinbarungen, die durch die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Italien und Ungarn in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen getroffen wurden. So entstand ein institutionelles Netz kultureller Beziehungen: die ungarische Akademie wurde in Rom gegründet, verschiedene Lehrstühle wurden eingerichtet, italienisch-ungarische Kulturvereine wurden organisiert und Austauschprogramme wurden initiiert, die in jedem der beiden Länder gegenseitiges Interesse weckten.
Ein weiterer wichtiger Moment, der den Prozess der Erweiterung der kulturellen Horizonte im letzten Jahrhundert vorantrieb, war zweifellos die Zeit nach der ungarischen Revolution von 1956. Nach dem Jahrzehnt 1945-1955, in dem Ungarn ideologisch verschlossen war, kam es in den 60er Jahren zu einem Aufschwung bei der Veröffentlichung von Übersetzungen aus den sogenannten „westlichen“ Sprachen. Das ungarische Verlagswesen erlangte so, wenn auch mit einiger Verzögerung, ein ausgewogeneres Bild der zeitgenössischen italienischen Literatur. Autoren wie Italo Calvino, Cesare Pavese, Elio Vittorini, Goffredo Parise, Natalia Ginzburg, Elsa Morante, Alberto Moravia, Dino Buzzati, Italo Svevo und – in Neuauflagen – Klassiker wie Giacomo Leopardi, Giovanni Pascoli und Luigi Pirandello wurden erstmals übersetzt und veröffentlicht. Unmittelbar nach 1956 wurden neue und wichtige Verlagsinitiativen ins Leben gerufen, unter denen die Gründung der Monatszeitschrift „Nagyvilág“ (Die große Welt) nicht unerwähnt bleiben darf, die mit ihrem symbolischen Titel in Anlehnung an die Zeitschrift „Nyugat“ bereits ihre Zielsetzung verkündete. In den 60er- und 70er-Jahren wurden Dichter wie Umberto Saba, Giuseppe Ungaretti, Eugenio Montale und Cesare Pavese übersetzt, wenngleich darauf hingewiesen werden muss, dass die Editionen zeitgenössischer italienischer Lyrik in Ungarn stets recht spärlich waren und noch sind.
Nach der Veröffentlichung von Umberto Ecos Der Name der Rose (1988) wurden alle Werke des Autors übersetzt und der zeitgenössischen italienischen Literatur eine größere Aufmerksamkeit geschenkt. Infolge des weltweiten Erfolgs von Ecos Roman stieg die Zahl der ins Ungarische übersetzten literarischen Werke von Jahr zu Jahr. Nach dem Regimewechsel zwischen 1989 und 1990 entstanden in Ungarn zahllose Verlage, von denen die meisten aufgrund der von den wirtschaftlichen Mechanismen des neuen Marktes angeheizten Konkurrenz zu einem flüchtigen Dasein verdammt waren.
Es kann vorkommen, dass nicht nur ein Autor oder ein Buch, sondern auch eine Person eine Schlüsselrolle als Vermittler zwischen den Kulturen spielt. Die Ernennung von Giorgio Pressburger zum Direktor des Italienischen Kulturinstituts in Budapest hat der Entwicklung der italienisch-ungarischen Kulturbeziehungen sicherlich einen großen Impuls gegeben. In den Jahren von 1998 bis 2022, in denen der in Ungarn geborene, eingebürgerte italienische Schriftsteller und Regisseur dieses Amt innehatte, erlebte die italienische Kultur in Ungarn dank zahlreicher Initiativen (Theateraufführungen, Opern, große Ausstellungen von Künstlern wie Savinio und Campigli, Buchpräsentationen usw.), an denen sich die Einwohner der Hauptstadt eifrig beteiligten, einen bis dahin nie da gewesenen Erfolg. Giorgio Pressburger rief auch die Buchreihe Palomar ins Leben, die zeitgenössische italienische Literatur behandelte und Werke und/oder Autoren veröffentlichte, die noch nie zuvor in Ungarn übersetzt worden waren: eine einzigartige Verlagsinitiative, da sie den Lesern zweisprachige Ausgaben mit dem Originaltext auf der anderen Seite bot. Auf diese Weise lernte das ungarische Publikum Autoren wie Tommaso Landolfi, Alberto Savinio, Antonio Delfini, Silvio D’Arzo, die Prosa Umberto Sabas, Carlo Emilio Gadda, Francesco Masala, Paola Capriolo und Daniele Del Giudice kennen. Viele wichtige Stimmen der zeitgenössischen italienischen Literatur, die selbst einige italienische Leser noch nicht kennen, kamen so nach Ungarn.
Im Jahr 2002, dem Jahr, in dem Pressburger seinen Abschied als Direktor des Italienischen Kulturinstituts nahm, wurde Italien als Gastland des Internationalen Buchfestivals in Budapest ausgewählt. Dies trug dazu bei, den Horizont der an italienischer Literatur interessierten ungarischen Leser weiter zu erweitern. Ehrengäste dieses Festivals, das sich von Jahr zu Jahr zu einem immer wichtigeren Ereignis entwickelt, waren 2007 Umberto Eco und 2012 Claudio Magris. Im Jahr 2013 war Italien zum ersten Mal in der Geschichte des Festivals wieder das Gastland. All dies könnte den Eindruck erwecken, dass die italienische Literatur in Ungarn einen herausragenden Platz einnimmt. Es wäre allerdings besser zu sagen, dass es Jahre gab, in denen sie eine gewisse Aufmerksamkeit genoss, was auch durch die
steigende Zahl von Übersetzungen belegt wird. Es wurde bereits der Fall von Umberto Eco erwähnt, von dem die Romane und die meisten seiner Essays übersetzt wurden. Dazu kamen dann noch die Übersetzungen der wichtigsten Werke von Claudio Magris, die insbesondere mitteleuropäische Themen behandeln: Donau, Ein anderes Meer, Die Welt en gros und en détail und Blindlings.
Ein besonderes Ereignis bei jeder Ausgabe des Festivals ist der runde Tisch der Erstautoren. Der französischer Verlag Harmattan, der auch in Ungarn tätig ist, hat der ausländischen Literatur gleich zwei Bucheihen gewidmet, die auch italienische Autoren beinhalten, von denen einige auf dem Buchfestival zu Gast waren. Darunter Giorgio Vasta (Die Glasfresser 2013), Alessandro Mari (Troppo umana speranza, 2016) und Giuseppe Lupo (Viaggiatori di nuvole, 2016).

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