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18 April 2024

Oxymoron und Quantum:
das italienische Buch in Kanada
Erster Teil

Autor/-innen:
Fulvio Caccia

Fulvio Caccia ist Protagonist und Beobachter der Literaturszene und ihrer Veränderungen. Als Gewinner des Literaturpreises Governor of Canada’s Literary Award für französische Poesie untersucht er die Veränderungen der menschlichen Subjektivität sowohl in seinen Essays als auch in seiner Belletristik: Sous le signe du Phénix, 1985), La République mêtis (Balzac éditions, 1996) und in jüngerer Zeit La diversité culturelle : vers l’État-culture (Laborintus, 2017). Die Romane La ligne gothique, La coïncidence und Le secret erforschen die Identität von Migranten in ihren intimsten Tragödien. Was wäre, wenn dies in Wirklichkeit eine der Liebesbekundungen wäre? Ti voglio bene (Ich hab dich lieb) ist der Titel eines langen Gedichts in französischer Sprache (La feuille de thé, 2023). Es belebt die Website www.fulvio-caccia.com.

 

 

Das italienische Buch in Kanada ist nicht nur ein Oxymoron, sondern auch ein flüchtiges Objekt, ein „Quanten“-Objekt: Der Standpunkt, von dem aus es betrachtet wird, verändert seinen Aspekt.

Sein erster Kontakt mit diesem nordamerikanischen Raum erfolgte, als Kanada noch eine Kolonie war. Die Menschen, die ihm ihre Bibliotheken öffneten, waren Ordensleute des 17. Jahrhunderts. Die Sulpizier, Récollets und Jesuiten lasen es nicht nur, sondern ließen sich davon auch inspirieren, um ihre „Berichte“ zu schreiben, wahre Propagandainstrumente für die Kolonisierung. Damit legten sie den Grundstein für die spätere kanadische Literatur. Wie man sich vorstellen kann, war die Übersetzung ausländischer Literatur damals eine für einige wenige Menschen greifbare Realität.

Auch heute noch ist die literarische Übersetzung ausländischer Werke ein Vorrecht der alten Metropolen: London, Paris oder New York. Und das aus einem offensichtlichen Grund: Mit seinen 40 Millionen Einwohnern hat Kanada weder in der anglophonen noch in der frankophonen Verlagswelt ausreichend Gewicht. Hinzu kommen eine noch sehr junge Literatur und ebenso junge Institutionen, die noch unter dem Einfluss europäischer Vorbilder stehen. Die Schaffung einer Literatur war ein langer Prozess. Für die Nachkommen der französischen Kolonisten war sie sogar von grundlegender Bedeutung, um eine Assimilation zu vermeiden, die das englische Parlament für „dieses Volk ohne Geschichte und Literatur“ vorsah.

 

Die Ursprünge. Italienische Bücher fanden schnell einen Platz in den Regalen der Kolonialbibliotheken. So gab es beispielsweise in der Bibliothek in Saint-Sulpice insgesamt 187 italienische Bücher, 132 in italienischer Sprache und 55 in Übersetzung. Neben religiösen Büchern gab es Werke zu Medizin, Naturwissenschaften, Geschichte und Philosophie, Wörterbücher und Enzyklopädien, Bücher zu Kunst, Architektur und Technik sowie Musik. Vita e costumi dell’antica Bologna nelle stampe di Giuseppe Maria Mitelli (Leben und Bräuche des antiken Bologna in den Drucken von Giuseppe Maria Mitelli) (1634–1718) wurde von den Kolonisten als Schatz europäischer Verlagskunst angesehen. Seine prächtigen Radierungen scheinen bei den Einheimischen einen starken Eindruck hinterlassen zu haben.

Die englische Eroberung im Jahr 1759 stärkte die Bindung zum Vatikan weiter. Die hohen Geistlichen, die im 19. Jahrhundert dort ausgebildet wurden, lernten oft Italienisch und brachten Werke von Dante, Petrarca, Ariosto, Tasso, Foscolo und Leopardi mit nach Hause. Die großen lateinischen Autoren wie Cicero, Virgil, Caesar und Marcus Aurelius waren die Hauptreferenzen für den klassischen Studienweg, der Bildungsgrundlage für die neue Elite der ehemaligen Kolonie.

Die italienische Auswanderung zu Beginn des letzten Jahrhunderts veränderte die Rezeption italienischer Bücher tiefgreifend. Für viele arme und schlecht ausgebildete italienische Bauern war Kanada Amerikas „letzte Grenze“. Informationen stammten von der Presse, die den „Bossen“ gehörte, den Einwanderungsbeamten, die direkt mit der Regierung verhandelten. L’Italo-Canadese (1893), der Corriere del Canada (1895), La Patria Italiana (1903), La Tribuna (1908), l’Araldo del Canada (1905) und L’Italia nel Canada (1911) wurden schließlich zu Sprachrohren der faschistischen Propaganda. Kanadische Politiker haben ein Auge zugedrückt und waren froh, im eigenen Land ein Gegengewicht zum Kommunismus zu haben. Einzig die Wochenzeitung Il Cittadino canadese stach hervor, die 1941 von Antonino Spada, einem bekannten Antifaschisten, gegründet wurde. In den folgenden Jahrzehnten dienten Il Corriere Italiano (1952–2023) und La Tribuna Italiana (1963–1980) sowohl als Matrix für in Kanada auf Italienisch verfasste als auch als Werbekanal für aus Italien importierte Bücher.

Das erste autochtone italienische Buch wurde von dem Journalisten und Dramatiker Mario Duliani geschrieben. La Città senza donne (Stadt ohne Frauen) (1944) ist der Bericht in Ichform über seine Internierung in Arbeitslagern während des Krieges zusammen mit 600 seiner Landsleute. Dieses Buch wurde auf Französisch verfasst, bevor der Autor es im folgenden Jahr ins Italienische übersetzte. Der italienische Verlag Cosmo Iannone veröffentlichte es 2018 erneut.

Diese Mehrsprachigkeit ist charakteristisch für viele italienische Schriftsteller, wie etwa Giose Rimanelli. Das Manuskript seines ersten Romans Il tiro al piccione (Schuss auf die Taube), ein seltenes Beispiel der „Literatur der Besiegten“, begeisterte Cesare Pavese kurz vor seinem Selbstmord. Der Roman wurde dann von Elio Vittorini bei Mondadori veröffentlicht. Rimanelli veröffentlichte seine anderen Romane in Italien, lebte aber bis zu seinem Tod in den Vereinigten Staaten und in Kanada. Er lehrte an großen Universitäten in beiden Ländern und interessierte sich insbesondere für die gerade erst entstehende kanadische Literatur. Sein Essay Modern Canadian Stories (McGraw Hill-Ryerson Press, 1966) wurde zu einer Referenz für die kanadische Literatur in einer Zeit, als die letzte große Welle italienischer Einwanderung nach dem Krieg zu Ende abebbte.

Die Einwanderer, die inzwischen über eine halbe Million auf kanadischem Boden zählten und besser ausgebildet waren als ihre Landsleute um die Jahrhundertwende, blieben gegenüber den Büchern und der Literatur ihres Heimatlandes vollkommen unberührt. Rimanelli veranschaulicht das allgegenwärtige Paradoxon des italienischen Schriftstellers im Ausland. Indem er Englisch wählte, um Benedetta in Guysterland (1993) für das er den «American Book Award » gewann, und Accademia (1997) zu schreiben, machte er sich in beiden nationalen Literaturen praktisch unsichtbar und trug dennoch dazu bei, sie bekannt zu machen! Eine Ausnahme bildeten Verlage, die in Kanada nur auf Italienisch veröffentlichen, und dies geschah oft auf Eigeninitiative der Autoren, wenn sie nicht direkt in ihrem Heimatland veröffentlichen.

 

Die Explosion der italienischen Literatur in Kanada. In den 1960er Jahren wurde das Kino zum Sprungbrett des Erfolgs für italienische Bücher in Kanada. Das Terrain war fruchtbar. Dieses junge, riesige und neugierige Land hatte zahlreiche Festivals. Visconti machte Der Leopard von Lampedusa popolär. Bertolucci kam mehrmals nach Kanada, unter anderem nach Der Konformist, der die übersetzten Werke von Alberto Moravia bei einem breiten Publikum bekannt machte. Luigi Comencini spielte die gleiche Rolle bezüglich La Storia von Elsa Morante. Auch Pier Paolo Pasolini kam, um für seine Filme zu werben: Teorema war ein echter Schock und sein Decameron brachte die kanadischen Zuschauer dazu, Boccaccio noch einmal zu lesen. Seine Romane wie Ragazzi di vita und seine Gedichte wie die Sammlung Gramshi’s Asche wurden wie Manifeste gelesen und stießen bei einer begeisterten und unruhigen italienisch-kanadischen Jugend auf große Akzeptanz.

Rund um sein Werkt gründete eine Gruppe italienischsprachiger Intellektueller, darunter auch ich, 1983 das transkulturelle Magazin ViceVersa. Diese zweimonatlich herausgegebene Zeitschrift erschien in drei Sprachen und gilt heute als das innovativste kanadische Verlagsprojekt der Jahrhundertwende. Zu den Inhalten, teils im Original, teils in Übersetzung, gehörten zahlreiche Interviews mit Autoren wie Alberto Moravia, Gianni Vattimo, Francesco Biamonti, Mario Lunetta, Mario Perniola und… Italo Calvino. Das Magazin wird jetzt online unter www.viceversaonline.ca veröffentlicht.

Den Schriftstellern aus Quebec erging es nicht viel anders. Im Bestreben eine Alternative zum französischen Modell zu finden, achteten Sie auf Neuheiten der Poesie und Literatur der Halbinsel. Il Canzoniere von Saba, Ungaretti, Montale, Luzi, Il Galateo in bosco (Galateo im Wald) von Zanzotto nährten ihren Eklektizismus. Erlauben Sie mir, eine persönliche Klammer aufzumachen. Meine Entdeckung der zeitgenössischen italienischen Literatur verdanke ich dem großen Dichter Gaston Miron, den ich persönlich kennengelernt habe. Seine maßgebliche Unterstützung hat es vielen Intellektuellen der zweiten Generation ermöglicht, das Misstrauen zu überwinden, das sie oft gegenüber ihrer Herkunft hegten. Damals, das war eine intensive und aufregende Zeit. Denn Kanada ist „ein Land des Barock“, wie der Kanadier Pierre Trottier treffend feststellte, ein Land, das als Staat im gleichen Alter ist wie Italien, das ebenfalls um die Wende der 1860er-Jahre entstand.

 

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