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8 Januar 2024

Gabriele d’Annunzio in anderen Sprachen (Teil 1)

Autor/-innen:
Mario Cimini, Università “G. d’Annunzio” di Chieti-Pescara e Elisa Segnini, University of Glasgow

Der internationale Erfolg von Gabriele d’Annunzio (1863–1937) beruhte hauptsächlich auf der Übersetzung seiner Werke ins Französische, ein Vorgang, der ihn als Avantgarde-Schriftsteller im Einklang mit dekadenten und symbolistischen Tendenzen auf die europäische Bühne brachte. Darüber hinaus schöpfte er ausführlich aus der französischen Kultur, betrachtete das Land jenseits der Alpen jedoch auch als ideales Terrain für die Verbreitung und Bestätigung seiner modernen Vision von Kunst. Es war Georges Hérelle (1848–1935), der dem Schriftsteller Ende 1891 die Erstellung einer ersten Übersetzung vorschlug, und zwar des Romans Der Unschuldige. Unter dem Titel L’intrus wurde das Werk zunächst in Fortsetzungen in der Pariser Zeitung „Le Temps“ (Ende 1892) und dann 1893 in einem Band bei Calmann-Lévy veröffentlicht. Es folgten die Übersetzungen der anderen Romane, die zunächst in renommierten Magazinen wie „Revue de Paris“ und „Revue des deux mondes“ und dann bei Calmann-Lévy als Bücher veröffentlicht wurden: Giovanni Episcopo (Episcopo und Co. Novellen, 1895); Lust (L’Enfant de volupté, 1895), Der Triumph des Todes (Triomphe de la mort, 1896), Die Jungfrauen vom Felsen(Les Vierges aux rochers, 1897); Feuer (Le Feu, 1901). Bis zum Zweiten Weltkrieg gab es zahlreiche Neuauflagen dieser Bände.

Aber auch das Theater begeisterte d’Annunzio. Er ließ Hérelle fast in Echtzeit (im Jahr 1897) die Übersetzung von Città morta (Tote Stadt) anfertigen und versuchte sie als französisches Orignial auszugeben (was er später tatsächlich mit Le Martyre de Saint Sébastien machte). Trotz der mäßigen Wertschätzung seitens des französischen Publikums folgten dann die Übersetzungen (nicht immer die Inszenierung) von Gioconda (Die Gioconda)und Gloria (Ruhm) (zusammengefasst mit Ville morte im Band Les Victoires mutilées, Calmann-Lévy, 1903), de La figlia di Iorio (Die Tochter von Jorio) (La fille de Iorio, Calmann-Lévy, 1905, und Francesca da Rimini, (Calmann-Lévy, 1913). 

Nicht ganz so groß war das Engagement im Bereich der Übersetzung von D’Annunzios Gedichten (wiederum aufgrund der ständigen Unzufriedenheit des Autors); 1912 wurde eine Anthologie mit Texten aus den ersten Gedichtsammlungen veröffentlicht, Poésies (1878–1893), Calmann-Lévy, 1912, während die Übersetzung von Laus vitae an der Hérelle viele Jahre lang arbeitete, unveröffentlicht blieb (sie wurde erst 1947 von Calmann-Lévy veröffentlicht und von Guy Tosi herausgegeben).

Nach dem Ende der Partnerschaft mit Hérelle (aufgrund von Meinungsverschiedenheiten über die Übersetzungsmethoden) wurde die Übersetzung des Romans Forse che sì forse che no von 1910 der aktuellen Geliebten Nathalie de Goloubeff anvertraut und die der Tragödien Das Schiff. Tragödie und Fedra Ricciotto Canudo. Nach dem Ersten Weltkrieg fand d’Annunzio in André Doderet (1879–1949) einen Übersetzer, der es mit seinen Wünschen genauer nahm und bereit war, zu „dannunzianeggiare“, also sich voll und ganz auf d‘Annznzio einzulassen und dessen Stil äußerst getreu wiederzugeben. Doderet verdanken wir die Übersetzungen von Ritratto di Luisa Bàccara (Porträt von Luisa Bàccara)(Portrait de Loÿse Baccaris, Éditions du “Sagittaire”, 1925), Contemplazione della morte (Betrachtung des Todes)(Aspects de l’inconnu. Contemplation de la mort, Calmann-Lévy, 1928), La Leda senza cigno (Leda ohne Schwan)(La Léda sans cygne, Calmann-Lévy, 1922), Notturno (Nachtzeit)(Nocturne, Calmann-Lévy, 1923), La fiaccola sotto il moggio (Die Fackel unter dem Scheffel)(La Torche sous le boisseau, Calmann-Lévy, 1928, Fedra (Phaedre, in „Revue de Paris”, August-Oktober 1924), Das Schiff. Tragödie., (Radioübertragung, 1942) und Solus ad solam (Solus ad solam, journal d’un amour, Éditions Balzac, 1944, Calmann-Lévy, 1947). 

 

Die ersten englischen Übersetzungen folgten der Erfolgswelle der französischen Übersetzungen und zeigen eine deutliche Beeinflussung durch diese. Der Triumph des Todes wurde in den Vereinigten Staaten von Arthur Hornblow (The Triumph of Death, G. H. Richmond & co, 1896) und in England von Georgina Harding (Heinemann, 1896) übersetzt. In beiden Fällen wurden zahlreiche Kürzungen am Text vorgenommen. Harding übersetzte auch in Zusammenarbeit mit Arthur Symons (der sich mit den Sonetten befasste Lust (The Child of Pleasure, Heinemann, 1898) und schlug dabei erneut die Reihenfolge der Kapitel von Hérelles Version vor. Feuer (The Flame of Life) übersetzt von Magda Sindaci unter dem Pseudonym Vivaria Kassadra, erschien im selben Jahr wie die italienische Veröffentlichung bei verschiedenen Verlagen in London (Heinemann), Boston (H. Fertig) und New York (L.C. Page & Company). Arthur Symons, ein Literaturkritiker der symbolistischen Bewegung und wichtiger Vermittler von d’Annunzios Werk im englischsprachigen Raum, der sich mit dem Theater beschäftigte, war der vorrangige Übersetzer von La città morta (Tote Stadt) (The Death City, Heinemann, 1900); La Gioconda (Die Gioconda) (R. H. Russell, 1900); Francesca da Rimini. Eine Tragödie in Versen. (Heinemann, 1902). Symons übersetzte auch La figlia di Jorio (Die Tochter von Jorio) und La fiaccola sotto il moggio (Die Fackel unter dem Scheffel), die jedoch nicht über den Entwurf hinaus fertig gestellt wurden.

 

Wie Cesare De Michelis (1989) aufzeigte, wurde d’Annunzio bereits 1890 dem russischen Publikum vorgestellt. 1893 wurde zeitgleich mit der französischen Ausgabe des Buches Der Unschuldige/Das Opfer in der für die aufkommende symbolistische Poetik offenen Zeitschrift „Severnye cvety” in der Übersetzung von Michail Iwanow veröffentlicht. Zahlreiche Übersetzungen von d’Annunzio findet man auch in der wichtigsten Zeitschrift der russischen Symbolik, „Skorpion“. Unter D’Annunzios Übersetzern und Kritikern befinden sich einige der bedeutendsten Autoren seiner Zeit: Jurgis Baltrušaitis, Valery Bryusov, Alexandr Ivanov, Alexandr Blok und Mikhail Kuzmin. Zwischen 1910 und 1912 erschienen im Abstand von einigen Jahren zwei Ausgaben von D’Annunzios Werken in zwölf Bänden, von denen jedoch keins die Gedichte enthielt. In den Jahren von d’Annunzios sogenanntem „französischen Exil“ (1910–15) übernahm Frankreich eine wichtige Vermittlerrolle für Russland. Von diesem Moment an war das Theater (übersetzt von Jurgis Baltrušaitis) besonders erfolgreich, wobei Werke in französischer Sprache bevorzugt wurden. D’Annunzios Ruhm unter russischen Intellektuellen gipfelte in Vsevolod Meyerholds Inszenierung von Pisanelle in Paris (1913), während er nach der Revolution von 1917 vor allem unter russischen Exilanten weiter aufrecht erhalten wurde. In der Sowjetunion sind nur noch die Texte im Umlauf, die dem Realismus am nächsten kommen, etwa Novelle della Pescara (Novellen der Pescara)

 

Im deutschsprachigen Raum war die Vermittlung von Stefan George von grundlegender Bedeutung, der 1899 drei Gedichte von d’Annunzio in der renommierten Zeitschrift „Blätter für die Kunst“ veröffentlichte. Im selben Jahr erschien Hugo von Hofmannsthals Artikel Gabriele d’Annunzio in der „Frankfurter Zeitung“, der dem Schriftsteller zu großem Kritikerruhm verhalf. Zwischen Dezember 1894 und Januar 1895 veröffentlichte Hermann Bahr Episcopo und Co. Novellen in der Zeitung „Die Zeit”. Auch im deutschsprachigen Raum nahm das Interesse an d’Annunzio nach dem Erfolg von Hérelles Übersetzungen erheblich zu, und 1896 wurde Samuel Fischer offizieller Herausgeber, mit der (nie respektierten) Exklusivitätsklausel für Übersetzungen neuer Werke. Die Prosa wurde Maria Gagliardi anvertraut, die nachstehende Werke übersetzte: L’innocente (Der Unschuldige, 1896), Giovanni Episcopo (Episcopo und Co. Novellen, 1901), Il piacere (Lust, 1902 ), Trionfo della Morte (Der Triumph des Todes 1902), Le vergini delle rocce (Die Jungfrauen vom Felsen, 1902), Novelle della Pescara (Die Novellen der Pescara, 1903). Gagliardi übersetzte auch Feuer, der einzige Roman, der nicht von Fischer veröffentlicht wurde (A. Langen, 1900). Um das Theater kümmerte sich anfangs Linda von Lützow, die La Gioconda (Die Gioconda, 1900), La città morta (Die tote Stadt, 1901), Sogno di un mattino di primavera (Traum eines Frühlingsmorgens, 1900) und Sogno di una sera d’autunno (Traum eines Herbstabends, 1903) übersetzte. Zu einem späteren Zeitpunkt widmete sich auch Gustav Vollmoeller, ein guter Freund d’Annunzios, dessen Werk und übersetzte Francesca da Rimini. Eine Tragödie in Versen (1903), das er auch für die Bühne adaptierte. Außerdem vermittelte er die Zusammenarbeit mit dem Insel Verlag, der zusammen mit Rudolf von Binding La nave (Das Schiff, 1910) und Fedra (1910) übersetzte. 1910 erschien im gleichen Verlag auch die Übersetzung von Forse che sì, forse che no (Vielleicht-vielleicht auch nicht, 1910). Wie Adriana Vignazia (1995) feststellte, ist die Übersetzung von Le Martyre de Saint Sébastien (Das Martyrium des Heiligen Sebastian, 1913) trotz der Mitarbeit von Vollmoeller nur mit dem Namen Gustav Schneeli angegeben. 

 

Der Erfolg von Hérelles Übersetzungen beeindruckte auch Rubén Darío, einen kosmopolitischen Intellektuellen nicaraguanischer Herkunft, der 1894 den ersten Artikel über d’Annunzio auf Spanisch in der Zeitschrift „Rivista de América“ (erschienen in Buenos Aires) veröffentlichte. Die ersten in Buenos Aires veröffentlichten Übersetzungen wurden in dem Buch Traducciones (1897) von Leopold Díaz zusammengefasst. Nach seiner Annahme in Argentinien erreichte d’Annunzios Ruhm auch Spanien, wo seine Hauptromane beim Verlag Maucci (Barcelona) in Taschenbuchausgaben veröffentlicht wurden. 1900 wurden El Inocente und El Fuego, übersetzt von Tomas Orts-Ramos, gefolgt von El Placer, übersetzt von Emilio Reverter Delmos, und El Triunfo de la Muerte, übersetzt von Orts Ramos, veröffentlicht. In Madrid beschäftigte sich Ricardo Baeza, ein Intellektueller kubanischer Herkunft, mit der Theaterseite. 1909 übersetzte Baeza für den Verlag Mundo Latino La città morta (Die tote Stadt) (La ciudad muerta) und Traum eines Frühlingsmorgens. Dramatisches Gedicht) (Sueño de una mañana de primavera). Es folgten weitere Werke, darunter die Ausgabe von La figlia di Iorio (Die Tochter von Jorio) (La Hija de Iorio) con un saggio sul teatro dannunziano. 1929 plante Baeza, d’Annunzios gesamtes Theaterwerk für Mundo Latino zu veröffentlichen, ein Projekt, das jedoch durch den spanischen Bürgerkrieg unterbrochen wurde. Er sollte seine Arbeit in Buenos Aires fortsetzen, wo d’Annunzios Werke dank der großen italienischen Gemeinschaft weiterhin in Neuauflagen erschienen und auch nach dem Zweiten Weltkrieg einen gewissen Erfolg verzeichneten.

 

In Japan war Bin Ueda der erste, der d’Annunzio übersetzte, allerdings direkt aus dem Französischen, da er kein Italienisch konnte. Ueda schloss fünf Gedichten von d’Annunzio ein, die er in seine Anthologie moderner westlicher Gedichte, Kaicho-on (1905), übersetzte. 1901 veröffentlichte er die Sammlung Miwotsukushi, die Übersetzungen von Terra vergine (Unberührtes Land) und Der Triumph des Todes enthält. Die Gesamtausgabe von Der Triumph des Todes wurde 1913 von Choko Ikuta, einem bekannten Übersetzer und Kritiker, veröffentlicht und sollte ein echter Bestseller werden. Lust (Tōkiō, Hakubunkan 1914) erschien im Folgejahr in der Übersetzung von Sohei Morita, Schriftsteller und Übersetzer aus verschiedenen europäischen Sprachen. Eine weitere wichtige Übersetzung war Sogno d’un tramonto d’autunno (Traum von einem Sonnenuntergang im Herbst) von Mori Ogai, einem der Begründer der modernen japanischen Literatur. Tatsächlich ist es der qualitativ hochwertigen Arbeit der Übersetzer zu verdanken, dass d’Annunzios Ruhm auch in der nachfolgenden Generation garantiert war. Die Situation änderte sich jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg, als d’Annunzio sowohl in Japan als auch in Europa zu einem unbequemen und „peinlichen“ Autor wurde. 

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