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28 April 2024

Oxymoron und Quantum:
das italienische Buch in Kanada

Zweiter Teil

Autor/-innen:
Fulvio Caccia

Fulvio Caccia ist Protagonist und Beobachter der Literaturszene und ihrer Veränderungen. Als Gewinner des Literaturpreises Governor of Canada’s Literary Award für französische Poesie untersucht er die Veränderungen der menschlichen Subjektivität sowohl in seinen Essays als auch in seiner Belletristik: Sous le signe du Phénix, 1985), La République mêtis (Balzac éditions, 1996) und in jüngerer Zeit La diversité culturelle : vers l’État-culture (Laborintus, 2017). Die Romane La ligne gothique, La coïncidence und Le secret erforschen die Identität von Migranten in ihren intimsten Tragödien. Was wäre, wenn dies in Wirklichkeit eine der Liebesbekundungen wäre? Ti voglio bene (Ich hab dich lieb) ist der Titel eines langen Gedichts in französischer Sprache (La feuille de thé, 2023). Es belebt die Website www.fulvio-caccia.com.

 

 

 

Die Entstehung einer Literatur. Ein Jahrhundert später war die kanadische Literatur sowohl auf Französisch als auch auf Englisch in vollem Gange. Margaret Atwood stand in den Startlöchern. Marshall McLuhan wurde zum Guru des „Global Village“. Auf Französisch schrieb Rejean Ducharme La fille de Christophe Colomb in Alexandrinern. Die sogenannte „Italienreise“ wurde wieder zum literarischen Motiv und wichtigen Erlebnis. Ende der 1950er Jahre reiste Yves Theriault, ein Romanautor aus dem hohen Norden, nach Italien, um Inspirationen zu finden. Hubert Aquin wählte das Italien der Renaissance als Kulisse für L’Antiphonaire, seinen bedeutendsten Roman. Italienische Schriftsteller wurden so zu Wegbegleitern einer anderen literarischen Moderne.

Der erste von ihnen war zweifellos Italo Calvino. Er schrieb Se una notte d’inverno un viaggiatore (Wenn ein Reisender in einer Winternacht), aber alle seine Werke waren erfolgreich, einschließlich Lezioni americane (Amerikanische Lektionen), das ein junges Publikum ansprach, das begierig auf Experimente mit neuen Sprachformen war. Leonardo Sciascias Kampf gegen organisierte Kriminalität und Korruption erregte die Aufmerksamkeit der kanadischen Öffentlichkeit genau in dem Moment, in dem eine staatliche Untersuchung die Rolle der Mafia auf nationalem Territorium ans Licht brachte. Dies führte 1972 zur Gründung des Nationalkongresses der italienischen Kanadier, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, das Image und die Interessen der Gemeinschaft zu verteidigen. Aber Italien regte zum Träumen an, auch wenn seine Schriftsteller die Grenzen überschreiten. Triest, die Stadt der Grenzen, erinnerte an Montreal mit seinem Multikulturalismus des hohen Nordens. Svevo, Magris und Daniele del Giudice ließen die Leser dieses „presqu’America“, wie Robert Charlebois sang, nicht gleichgültig. Das Gleiche galt für die Bücher von Antonio Tabucchi, die sich jedoch anderen, südlicheren Horizonten widmen. Oriana Fallacis Reportagen und Romane sprachen Leserinnen feministischer Bewegungen an. Ein weiteres Schwergewicht war natürlich Umberto Eco. Seine Essays waren ebenso wie seine durch das Kino angeschobenen Romane ein großer Erfolg. Seine eines Rockstars würdige Tournee durch Kanada mündete in der Veröffentlichung eines Buches mit dem Titel Incontro (Treffen), das anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Laurentian University bei Edizioni Guernica erschien. Dieser kanadische Verlag, der 33 Jahre lang von seinem Gründer Antonio D’Alfonso geleitet wurde, spielte eine grundlegende Rolle sowohl für italienisch-kanadische Schriftsteller, die nicht mehr in ihrer Muttersprache schrieben, als auch für diejenigen, die dies immer noch taten, aber in Kanada keine verlegerischen Möglichkeiten fanden.

 

Die „einheimischen“ italienischen Schriftsteller. Dies gilt insbesondere für Camillo Carli, den Gründer der einflussreichen Tribuna italiana und wohl besten Zeitung der italienisch-kanadischen Presse. Sein Roman La giornata di Fabio (Fabios Alltag) wurde erstmals in Italien veröffentlicht (Lalli, 1984) und dann in Kanada von Maurizia Binda (1991); Tonino Caticchio verlegte selbständig La poesia italiana del Québec (Italienische Poesie in Quebec) (1983); Romano Perticarini aus Vancouver schrieb auf Italienisch die Gedichte der Sammlung Via Diaz (Diaz-Straße), übersetzt ins Englische von Carlo Giacobbe, herausgegeben als zweisprachige Ausgabe (1988); Filippo Salvatore hat Tufo e Gramigna (Tuffstein und Quecke) (1977) veröffentlicht, bevor er das Werk mit dem Titel: Suns of Darkness (1980) übersetzte; Claudio Antonelli blieb der Sprache Dantes treu: Scritti canadesi, partenze e ritorni di un italiano all’estero (Kanadische Schriften, Abreisen und Rückkehr eines Italieners im Ausland) ist eine Sammlung von fast 200 Chroniken und Konferenzen zu diesen Themen, die 2002 in Montreal von Losna & Tron veröffentlicht wurde.

Aber der originellste Beitrag zu diesem kontrastreichen Panorama ist zweifellos der von Lamberto Tassinari. Tassinari, Direktor und Mitbegründer der Zeitschrift ViceVersa, hat die erste Ausgabe seines „spannenden“ Essay veröffentlicht: Shakespeare? È il nome d’arte di John Florio (Shakespeare? Das ist der Künstlername von John Florio). Es folgten die englische Übersetzung von William McCuaig (Giano, 2013) und die französische von Michel Vaïs, veröffentlicht in Paris (Le bord de l’eau, 2016) unter dem Titel: John Florio alias Shakespeare. Der florentinische Schriftsteller vertrat maßgeblich die These, Shakespeare sei der Sohn eines Exilitalieners jüdischer Herkunft gewesen. Es ist kein Zufall, dass ein Buch wie dieses, das in ganz Europa große Resonanz gefunden hatte, in Kanada veröffentlicht wurde. Der Autor schlug eine neue Lesart der ausländischen Herkunft aller sogenannten „nationalen“ Literaturen vor. Und es ist auch kein Zufall, dass Italien und seine Autoren, ob Auswanderer oder nicht, im Mittelpunkt dieses Prozesses stehen. Dies wäre auch ein gutes Diskussionsthema für die 1988 in Vancouver gegründete Italian-Canadian Writers‘ Association (https://aicw.ca/books/).

 

Italienisch-kanadische Schriftsteller. Seitdem ist sowohl ihre Zahl als auch die der Anthologien, die sie vereinen, kontinuierlich gewachsen. Auch die akademische Welt wurde strukturierter und vielfältiger. Joe Pivato von der Universität Arthabasca war diesbezüglich federführend. Er unterrichtete den ersten Kurs über italienisch-kanadische Literatur und veröffentlichte Contrasts: Comparative Essays on Italian-Canadian Writing (Guernica 1985–1991).

Was Romane in englischer Sprache betrifft, setzte Nino Ricci sein Qualitätssiegel durch. Lives of the Saints (Cormorant Books, 1990), der erste Roman einer Trilogie, brachte ihm den Governor General’s Award for Fiction ein, Kanadas höchste Literaturauszeichnung. Zehn Jahre später, im Jahr 2010, macht ihn die Verleihung desselben Preises für sein Werk The Origin of species zum erfolgreichsten kanadischen Romanautor seiner Generation.

 

Schriftstellerinnen im Rampenlicht. Englischsprachige italienische Schriftstellerinnen standen dem in nichts nach. Mary di Michele und Caterina Edwards machten sich sowohl in Calgary als auch in Toronto einen Namen. In Montreal verschaffte sich dagegen Mary Melfy Gehör. Der Surrealismus ihres poetischen Universums, skandiert durch abrupte Formulierungen und bevölkert von überraschenden, lapidaren Bildern, spiegelt die Ungleichheiten einer vom Mythos des Fortschritts besessenen Gesellschaft wider. Und das passierte auch in ihrem Theater. Italia rivisitata (Italien nochmals besucht) (Guernica, 2009) übersetzt ins Französische von Claude Beland (Triptyque, 2015) ist ein UFO zwischen Memoiren und ethnografischem Dokument, das ihr wohlverdiente Anerkennung einbrachte.

 

Italienisch-quebecische Schriftsteller. Als Minderheit innerhalb einer Minderheit äußerte sich der redaktionelle Aktivismus der Französisch-Italienischsprachigen mit größerer Diskretion. Marco Micone war der Erste, der sich einen Namen machte und ihn laut und deutlich behauptete. Seine Theaterstücke wie Gens du silence (1980), Addolorata (Gepeinigte) (1984) Déjà l’agonie (1988) beschwören das Paradoxon des Sohnes eines italienischen Einwanderers, der im Schweigen seiner Eltern gefangen ist und … in seiner Dreisprachigkeit, eine Tatsache, die ihn eigentlich emanzipieren sollte. Unter den Schriftstellerinnen kam Carole David, deren Mutter Italienerin ist, die größte Bedeutung zu. Sie beteiligte sich an der von mir und Antonio d’Alfonso herausgegebenen Anthologie Quêtes (1984), die achtzehn italienisch-quebecische Schriftsteller vereint. Sie hat rund 20 Bücher veröffentlicht, darunter Terra vecchia (Altes Land) (Les Herbes rouges, 2005), während Francis Catalano durch seinen Beitrag zu dieser Anthologie seine italienischen Wurzeln wieder entdeckte. Seitdem hat er diese durch Übersetzungen zeitgenössischer italienischer Dichter wie Valerio Magrelli (2000), Fabio Scotto (2016) und Antonio Porta (2009) weiter erforscht. Werke, die alle im Verlag Le Noroît veröffentlicht wurden. Selbst Dichter, schrieb er 2012 seinen ersten Roman On achève parfois ses romans en Italie (L’Hexagone) in dem er von einer Initiationsreise nach Italien erzählt.

Am Ende dieses dicht gespickten, aber dennoch zu kurzen Überblicks lohnt es sich, die Frage zu stellen, ob sich der Status italienischer Bücher in Kanada geändert hat: Sind sie immer noch auf die Kategorie „ausländische Literatur“ beschränkt oder sind sie mittlerweile ein Anhang einer aufstrebenden postkolonialen Literatur? Sind sie das Produkt eines ultraliberalen Konsumismus oder der Höhepunkt des Emanzipationsprozesses einer transkulturell gewordenen Leserschaft? Die Fragen bleiben offen. Aus dieser Sicht ist Kanada ein beispielhafter Fall. Das italienische Buch begleitet die Entwicklung seiner Kultur und bleibt gleichzeitig sichtbar und unsichtbar. Es ist in der Tat ein „Quantenobjekt“, die Metapher unseres in ständiger Transformation befindlichen Universums und unserer Modernität.

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